Zur Anthologische Ausstellung "fragmente" Luis Melf Esparragoza
Diese Retrospektive versucht einen Einblick in die Werkentwicklung des Künstlers Luis Melf Esparragoza zu geben. Der Künstler hat sich in seinen unterschiedlichen Schaffensperioden immer auf das Medium der Malerei spezialisiert, erst in den letzten Jahren begann er seine Arbeit auch auf das Gestalten von Objektkunst zu erweitern. Seine figurativen Arbeiten zeichnen sich durch eine besonders individuelle Malweise aus. Auffallend ist das Verwenden von großformatigen Leinwänden und die stetige Kombination von Öl- und Acryltechnik in seinen
neueren Serien. Ihm ist die ästhetische Komponente seiner künstlerischen Arbeit ein Anliegen, aber mehr noch geht es ihm um die Aussage und die jeweilige Botschaft, die seine Werke transportieren. Meist verarbeitet er Themen und Probleme, die ihn persönlich beschäftigen – gibt diesen aber eine universelle Form. Er hebt das persönliche Entsetzen, das individuelle Angst- oder Frustrationsgefühl von der Mikro- auf eine Makroebene. Es sind die ganze Menschheit betreffende Themen, die künstlerisch dargestellt werden. So ist zum Beispiel die Kindheit ein Zustand, den jeder erlebt und das Klonen ein wissenschaftlicher Fortschritt, der in allen Gesellschaften zu ethischen Bedenken und Science-Fiction ähnlichen Gedankenszenarien führte. Es sind einzelne Werke aus den vier Serien zu sehen, welche auch die wichtigsten Etappen im Werk Esparragozas veranschaulichen sollen.
Zu einer wichtigen Schaffensepoche in den Jahren 1990-92 sind die Werke „Cuentos de la vida real“ („Geschichten aus dem wahren Leben“) und „El nacimiento de un niño“ („Die Geburt eines Kindes“), sowie „Contaminación“ („Kontamination“) zu zählen. Diese frühesten Werke Esparragozas zeichnen sich durch eine fast traumhafte, wenn nicht alptraumhafte Wirkung aus. In ihnen wird dem Besucher eine harte und beinahe trostlose Welt vorgeführt. Diese Atmosphäre wird auch durch das Dominieren der kalten Farben unterstrichen. Beim Betrachten jener Arbeiten ist der starke Einfluss des venezolanischen Künstlers Jacobo Borges zu spüren, den Melf Esparragoza auch als seine damals wichtigste Inspirationsquelle bezeichnet. In „Cuentos de la vida real“ („Geschichten aus dem wahren Leben“) spürt man eine große Frustration - Gefühle von Wut und Enttäuschung sind es, die aus diesem Werk sprechen. Die Figur in der Mitte hält sich die Ohren zu, will auch nichts mehr sehen – erzürnt über die Machenschaften und das im Kunstsektor gespielte Spiel, in welchem nur wenigen ein Platz auf der „Bühne“ zugestanden wird. Dieses Schauspiel wird durch die Fäden signalisiert, die auch im Bild von der Hand einer nicht sichtbaren Person gezogen werden. Dem Künstler unbekannte Personen „lassen die Puppen tanzen“. Der Figur am linken unteren Bildrand ist Enttäuschung und
Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Die Figur rechts hinten blickt mit Unverständnis auf die vor psychischem Schmerz sich verzehrende Mittelfigur. Die von links oben kommende Hand erinnert an einen Bildausschnitt der Fresken in der Sixtinischen Kapelle Michelangelos: Gott Vaters Finger, der Adam zum Leben erweckt. In dem Werk „Cuentos de la vida real“ („Geschichten aus dem wahren Leben“) erreicht diese Hand aber nicht den Protagonisten des Bildes und somit kann auch der göttliche Funke nicht überspringen. Die Serie „Clonación“ („Klonen“) entstand im Jahr 2003 und Esparragoza beginnt zu diesem Zeitpunkt, sehr kräftige Farben für seine Öl- und Acrylbilder zu verwenden. Am häufigsten sind die Farben Rot, Blau und Grün vertreten, die großflächig die Leinwand beherrschen. Aus der Serie „Clonación“ („Klonen“) sind die Werke: „Dolly.Ente“, „Que fue primero“ (“Was war zuerst da?”), „Rojizo“ („Rötlich“), „Reflejo en mi mirada“ (“Das Reflektieren in meinem Blick”) und „Deshacerse de ellos“ („Sich ihrer entledigen“) zu sehen. In „Dolly.Ente“ gibt der Künstler das erste geklonte Säugetier, das Schaf Dolly wieder, in dessen Bauch ein menschlicher Embryo heranwächst. Das Werk „Que fue primero“ („Was war zuerst da?“) widmet sich einer viel diskutierten Frage der Evolution - existierte das Huhn vor dem Ei, oder war es umgekehrt
nur diesmal ist es ein menschlicher Embryo, der in dem Ei heranwächst. In den meisten Werken dieser Serie ist die Kritik an dem ethisch fragwürdigen Klonen nur subtil verarbeitet und die Härte der Bildaussage wird durch die ästhetische Wirkung gemildert. Unter anderem schuf der Künstler jedoch auch Gemälde wie „Deshacerse de ellos“ („Sich ihrer entledigen“), die einen direkten Appell an das moralische Empfinden des Betrachters richten. In dem futuristisch wirkenden Bild sind zwei frisch geborene Säuglinge mit ihrer Nabelschnur an einer sich bewegenden Wäscheleine befestigt. Eine mit einem grünen Handschuh überzogene Hand greift von unten hinauf um eines der schreienden Babys von der Leine zu nehmen. Das Element „einer für den Betrachter anonym bleibenden Figur“ kehrt in den Bildern Melf Esparragozas immer wieder. Wie auch in dem Werk „Sin título“ („Ohne Titel“) aus der Serie „Aborto“ („Abtreibung“). Diese dem Betrachter vorenthaltene Figur kann für die Macht stehen, welche - dem menschlichen Individuum – oft Unbekannte in den einzelnen Systemen der Welt besitzen. Die Kontrolle haben nicht wir, sondern jemand, der erst durch diese Anonymität zu noch grausameren, uns physisch und psychisch verletzenden, Handlungen fähig ist. Das Element der Hand hat der Künstler schließlich im Jahr 2007 aus der zweidimensionalen Fläche befreit, um es als Objekt dem Betrachter vorzuführen. In den Werken „Manos“ („Hände“) aus der Serie „La realidad de la vida misma“ („Die Realität des Lebens“) greift diese Hand aus einem Bild heraus – zwischen Daumen und Zeigefinger hält sie eine Kugel an einem seidenen Faden. Die durchsichtige Kugel lässt den Betrachter an eine, einen Embryo beherbergende Fruchtblase denken. Dieser Fötus wirkt in der mit spitzen Pinnägeln bespickten Kugel einerseits beschützt, andererseits ist er wiederum der Kontrolle einer Anonymität ausgesetzt, der Macht eines ihm unbekannten Wesens ausgeliefert. Diverse Assoziationen könnten einen auch zu Ü b e r - mächten und Göttern unterschiedlicher Religionsvorstellungen führen, die das Leben jedes einzelnen Menschen in der Hand haben. Man kann hierbei aber auch an die Personifizierung einer Gefahr, wie zum Beispiel dem Klonen denken, dessen zukünftige Entwicklung über die Gestaltung der Existenz des Menschseins und seine weitere Evolution entscheidet. Ebenfalls könnte hier die Personifizierung einer Kontamination dargestellt sein, die durch radioaktive oder sonstige von uns Menschen hergestellte Materialien verursacht wurde und welche die Auslöschung unseres Erdballes bewirkt, auf dem wir uns ebenfalls beschützt im Weltall drehen. Die neueste Serie „La realidad en la vida misma“ („Die Realität des Lebens“) ist der Versuch alltägliche Szenen mit kleinen plastischen Figuren nachzustellen. Hierbei werden soziale Interaktionen kritisch beleuchtet und auch das Thema von kulturellen Unterschieden in Handlungen und Habita wird dem Betrachter aufgezeigt. Aus der in den Jahren 2005 - 06 entstanden Serie „Infantia“ („Kindheit“) ist das gleichnamige Werk zu sehen. Außerdem das, für den Künstler unüblich kleinformatige Bild „Los tres“ („Die drei“). Die Farbgebung und der Pinselstrich ähneln der vorausgegangen Serie „Clonación“ („Klonen“). Wichtig für die Serie „Infantia“ („Kindheit“) ist die Verwendung von Symbolen. Kindheit wird hier anhand der Vermenschlichung von Spielzeug thematisiert. Auf das Bild „Infantia“ („Kindheit“) trifft dies nicht zu. In diesem ausdrucksstarken Werk lädt uns der Künstler ein, in eine surrealistisch anmutende Welt einzutreten - in einen Raum, welcher von der Atmosphäre einer beklemmenden Ungewissheit erfüllt ist, an der auch die um die Föten schwebenden Luftballone und das Spielzeug nichts ändern. Esparragoza nimmt in seinem Werk unter anderem zu philosophisch evolutionsgeschichtlichen und gesellschaftlich bedeutenden Fragen Stellung, die er durch seinen markanten Stil in ästhetisch eindrucksvolle Kunstprodukte verarbeitet. Er zeigt uns Themen und Konflikte auf, die im ethischen, gesellschaftlichen und interkulturellen Bereich angesiedelt sind. Sie betreffen sowohl das Individuum, wie die gesamte Weltbevölkerung, ebenso den Künstler, wie uns, das Publikum. Karoline Hausmann

