Zur Ausstellung von Luis Melf Esparragoza
Wir freuen uns sehr und sind gleichermaßen geehrt, dass du Melf uns eingeladen hast, bei deiner Ausstellung hier im MOYA die Eröffnungsrede zu halten. Wir kennen dich seit 2005 und du warst bei drei unserer Ausstellungen und Ausstellungsprojekte in der [galerie]studio38 mit deinen Arbeiten beteiligt. Darüber hinaus warst du auch ein eifriger Besucher unserer Vernissagen im 20. Bezirk und wir hatten viel Spaß mit dir! Wir haben uns – da wir in etwa so gut Spanisch sprechen wie du Deutsch (nämlich – fast überhaupt nicht) – meist mit Händen und Füßen oder durch Zeichensprache verständigt und es hat überraschend gut funktioniert. Die Zeichensprache, die Symbolik verwendest du auch beim Einladungsmotiv deiner Ausstellung. Es zeigt einen durchgestrichenen Kinderwagen auf einem Hintergrund in der Signalfarbe Pink – ein Verbotsschild, das zum für uns anfangs etwas rätselhaften Titel der Ausstellung „Gewidmet unserem geliebten Wesen“ offenbar in krassem Widerspruch steht. Wir könnten uns daher fragen: wenn der Zutritt für die Kinder verboten ist, welche sind dann die geliebten Wesen? Wir haben beim Recherchieren auf einer Internetseite den Ausstellungstitel wiedergefunden – als Hommage an verstorbene Hunde. Du wurdest auch bei einem Interview, das in Venezuela veröffentlicht wurde, dazu gefragt. Deine Antwort war, dass es sich um ein visuelles Spiel handle, das mit dem Thema, mit dem du dich hier beschäftigst, unmittelbar zu tun hat. Die Protagonisten deiner Ausstellung sind Tiere, im speziellen Hunde, aber du möchtest die Mensch-Hund- Beziehung ausloten. Du tust dies in einer sehr ästhetischen und ansprechenden Art und Weise, in großformatigen Bildern, die Menschen und Tiere darstellen. Deine Hundeporträts zeigen menschliche Charakterzüge und könnten vielleicht Tierliebhaber dazu verleiten, dir Aufträge für Ahnenporträts ihrer Lieblinge zu erteilen. Die vorliegende Werkschau ist darüber hinaus als Resultat deiner Erlebnisse in Österreich und in deinem Heimatland Venezuela zu sehen. Du hinterfragst hier, wie das Verhalten der Menschen zu Hunden im Vergleich zu dem zu den Kindern aussieht – dies als „persönlich Betroffener“, da du seit einem Monat Vater einer kleinen Tochter – deinem „geliebten Wesen“ bist - und du willst dein Publikum auf diese Art und Weise wieder zur Menschlichkeit hinführen. Es handelt sich – aus unserer Sicht – auch um ein wienspezifisches Phänomen – da der Wiener bekanntlich ja nichts über seine Hunde kommen lässt Es gibt sogar ein Lied von Georg Kreisler, das im Refrain so lautet „Wenn jetzt ein Krieg kommt - sagn's, was g'schieht dann mit mein'm Hund?“. Und kleine Kinder – besonders wenn es um das Betreten von Parkanlagen und Spielplätzen geht – haben trotz der vielen Hinweisschilder, was Hunde nicht dürfen, oft das Nachsehen und befinden sich dann im wahrsten Sinne des Wortes „in der Scheiße“. Dies nur am Rande – und vermutlich haben die Wiener Erfahrungen von dir, Melf, hier in irgendeiner Weise mitgespielt. Wie die Situation in Caracas, deiner Geburtsstadt ist, können wir ad hoc nicht sagen. Wenn man im Google „Venezuela und Hunde“ eingibt, dann kommt man zuallererst zu diversen Reiseinformationen, welche Haustiere wie zu impfen und zu transportieren sind. Menschliche Wesen haben sicher in beiden Städten einen höheren Stellenwert als Tiere (was nicht heißen soll, dass Tierschutz hier und dort nicht ernstgenommen wird oder dass das Funktionieren einer vernünftigen Kind- Tierbeziehung nicht wechselseitig befruchtend ist). (Auch den Hund im Bett – wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob es tatsächlich ein Hund ist – hast du hier gemalt). Melf ist ein figurativer Maler, der sich aktionistisch der Realität annähert, aber die Wahrnehmung derselben nicht notwendig hat, um ein Werk zu kreieren. Sehr wohl setzt er sich aber mit dem, was rund um ihn geschieht, auseinander. In seinen Bildern dominiert die menschliche und auch tierische Gestalt. Sie kommt in Körperumrissen, in Konturen und in einem, fast möchte ich sagen „melftypischen“ Farbspektrum vor. Melf nutzt die Kraft der Farbe – ihren Reichtum an Nuancen - und die Form „eines Lebewesens“, um daraus die Komposition von verschiedenen Ebenen zu verankern, die er in leicht diffuse Oberflächen transformiert, wo Vorder- und Hintergrund miteinander verschwimmen. Hier in dieser Ausstellung finden wir auch einige Umsetzungen mit „falschen Farben“. Die Bildmotive in seinen früheren Arbeiten zeigen uns symbolische Elemente wie Spielzeuge, die verschiedene Bedeutungen haben, und eben Tiere unterschiedlicher Gattungen, all dies gearbeitet mit übereinandergelagerten Farbschichten, die transparent wirken und unterschiedliche Hell-Dunkel-Effekte aufweisen, welche zwischen den Pinselstrichen erscheinen. Diese vordergründige spielerische Leichtigkeit, die fröhliche Farbwahl, der Humor, darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Inhalte seiner Bilder mehr in die Tiefe gehen, als der oberflächliche Betrachter es wahrnimmt. Die Überschriften seiner Werkserien wie „Infantia“ oder „Clonation“ lassen erahnen, dass es Melf um mehr geht als schöne bunte Bilder, sondern die visuelle Umsetzung des Ungleichgewichtes, das der Mensch als angeblicher „Herr der Schöpfung“ immer wieder verursacht.. Pedro Martinez, schreibt über Melfs Arbeiten in Margen Cero: Esparragoza hat meiner Meinung nach eine Maltechnik, die die Kraft innerer Schöpfung aufweist und die Entschlossenheit hat, die Gesellschaft in Zeiten kultureller und technischer Entfremdung miteinzubeziehen. Wenn die Phantasie Monster produziert, wird ihr die Wissenschaft sicher nicht nachstehen. Die Bilder weisen etwas von erdbezogener Finsternis, aber gleichzeitig auch viel Licht auf, angesichts der Verrücktheit einer Wissenschaft und einer Technik, die sich auf der Suche nach maximaler Produktivität verirrt hat. Seine Arbeit bewegt sich am Rande der Geschehnisse der Natur, die unser Planet erzeugte und des Universums, in welchem dieser sich bewegt: er bewegt sich übersturzt, würden manche sagen, aber er bewegt sich in eine Richtung, die wir wahrscheinlich niemals kennenlernen werden. Er weckt in mir die Versuchung, die unwiderstehliche Versuchung, darüber nachzudenken, was eine Zukunft bringen könnte, die mit der Mechanik der Natur bricht. Wenn ich seine Bilder betrachte, sind die Bilder nicht dafür gedacht ein Zimmer zu dekorieren, sondern um spirituelle Räume zu gestalten. Fast zum Schluss eine biographische Kurz-Notiz für alle, die Melf noch nicht so gut kennen, was wir uns fast nicht vorstellen können. Mit seiner langen Ausstellungsliste möchten wir Sie nicht quälen, die können Sie auf seiner Website nachlesen. Luis Melf Esparragoza wurde 1970 in Caracas/Venezuela geboren. Als Autodidakt gewinnt er am 12. März 1993 den Ersten Preis beim 21. Salon der Malerei "Fernando Valero", der in Caracas/Venezuela abgehalten wird. Im Jahr 1991 reist er erstmals nach Europa, nach Frankreich, wo er seine Arbeiten als bildender Künstler vorstellen kann. Melf hat an mehr als zwanzig internationalen Ausstellungen teilgenommen, in denen er immer wieder seine ganze kreative Stärke zeigt, welche durch die Anwendung von Farbe und Form noch gesteigert wird. Ganz zum Schluss laden wir euch ein, in Melfs Universum einzutauchen. Lassen Sie sich auf die Bilder ein, auf die geliebten Wesen und – sofern Sie Spanisch sprechen – auf einen Dialog mit dem Künstler Luis Melf Esparragoza. Und – wenn Sie eines der Bilder kaufen – überlegen Sie gut, ob Sie damit „nur“ ein Zimmer dekorieren wollen oder vielleicht doch eine Kathedrale. Wir wünschen allseits einen angenehmen vergnüglichen weiteren Abend!